Grace, Teil Eins
März 29, 2008
Sie war die erste Person, die über das Internet an meine Telefonnummer kam. Ich weiss nicht mehr genau, warum ich sie ihr gegeben habe – eigentlich wollte ich so etwas niemals tun – aber es schien mir unglaublich wichtig und ich tat es nicht, weil ich einen Anruf wollte, sondern weil ich nach zehn Minuten schon so sehr mochte, das ich ihr etwas geben wollte, das ich noch niemandem in diesen ekligen HTML Chat gegeben hatte und niemandem je wieder geben sollte. Eine ganze Minute war Stille, dann kam ihre Nummer zurück, sie würde mich vielleicht nicht anrufen, wenn ich das nicht wollte, aber ich sollte doch unbedingt SIE anrufen, denn sie wollte das unbedingt. In zehn Minuten. Bitte.
Nach drei Wörtern waren wir verliebt, der große Gong im Herzen dröhnte nach den ersten Silben und ich spürte diesen Druck im Herzen und so war es auch bei ihr, glaube ich. Wir legten erst auf, als der Morgen dämmerte. Sie war Amerikanerin und und Deutsche mit den entsprechenden Pässen, ihr Nachname war italienisch und sie liebte Frankreich. Ihr Vorname war Grace und sie war nicht glücklich. Ihr Verlobter war von einem Unbekannten überfahren worden – Unfallflucht – und später, im Krankenhaus in ihren Armen an seinen Verletzungen und dem Blutverlust gestorben; sie hatte in der Folge ihre Leber grade noch über eine Monate andauernde Phase von Exzessen gerettet und mit so ziemlich jedem Typen in der Umgebung von 100 Kilometern geschlafen. Nun blieb nur noch Leere und sie las mir Rilke am Telefon vor, wenn sie nicht weinte oder wir uns scheinbar stundenlang nur beim Atmen zuhörten. Unsere Gespräche führten von verkopften Theorien weiter hinab in ganz andere Regionen und wieder zurück; das musste Glück sein, da war ich mir sicher. Ich spürte, wie ich sie zu lieben begann und wie falsch und gefährlich das war; ich wusste das sie Angst hätte, das nach einem Treffen alles ändern würde, das wir im Bett landen würden und sie mich dann verlieren würde, unweigerlich. Ich war schon so verloren, wie ein Mensch sich nur verlieren kann. Dennoch, ich kam irgendwie mit dem bisschen Schlaf aus, 2 Stunden, 3 Stunden, mein Studium litt fürchterlich, aber das war mir egal. Ich wollte nur diese Stimme hören und mit ihr lachen und mit ihr weinen und mich ihr nahe fühlen.
Eines Tages erzählte sie mir, das sie mich ausnützen würde und mir meine Zeit raubt, ohne mir dafür eine Gegenleistung zu bieten, da ahnte ich, das ich vielleicht zu viele Sorgen angehört, zu oft getröstet hatte; nicht das sie mich nicht lieben würde – das tat sie, aber nicht mehr genau wie ich sie. Ich konnte fühlen, wie mein Herz brach und nun sagte ich ihr, wie ich sie liebte, wie ich nie eine geliebt hatte und meine Güte, wir mussten stundenlange geheult haben, am Telefon versteht sich. Da war nicht wirklich ein Platz für mich. Das war mir klar. Mit einem Toten konnte ich nicht konkurrieren. Aber ich nahm, was ich kriegen konnte und immerhin, sie brauchte mich und vertraute mir und empfand tief für mich. Mehr als ich bis dahin kannte; zwar war ich inzwischen eher ein Freund für sie, aber doch zeigte sie mir mehr Zuneigung als ich bis dahin kannte.
Grace hatte Probleme, sie war hochbegabt und hatte Bulimie, später stellte sich heraus, dass sie Epileptikerin war; sie war zu schön für ihre Umgebung, Männer flogen auf sie, waren aber ihrem Geist nicht gewachsen und flohen so schnell wie sie gekommen waren; Frauen hingegen hassten sie meistens auf den ersten Blick. An dieser ganz speziellen Art von Einsamkeit zerbrach sie langsam. Das tat sie allerdings in Schönheit, sie schrieb Gedichte und las sie mir vor.
Für mich war es natürlich über die ganze Zeit unmöglich, irgend etwas Sinnvolles mit anderen Frauen zu beginnen. Nicht das ich wollte. Ich hatte immer Angst, das sie endlich den richtigen treffen würde und das ich nie wieder von ihr hören würde, oder das sie sich eines Tages doch umbringen würde – aber sie war immer da, mal zwei Tage nichts, dann klingelte wieder das Telefon und sie entschuldigte sich für die Störung und die Stille.
Dann war sie plötzlich in Frankreich, in einer Spezialklinik. Erzählte sie mir am Telefon, gerade wieder erwacht. Die Gebühren waren ihr scheinbar egal, sie mussten enorm sein. Meine Leben war wie in Schatten getaucht, wenn ich nicht mit ihr sprach. Mir wurde immer deutlicher klar, dass es so nicht weitergehen konnte: Ich wurde immer trauriger und das scharfkantige Loch in meinem Herzen ließ sich nur schwer ignorieren. Sie fand einen Freund, das änderte wenig, auch wenn ich um so mehr litt, sie wurde schwanger, verlor Kind und Freund und da war ich wieder da und …
Und dann wurde es schlimm und zwar viel schlimmer und das schnell. Mal sehen, einen zweiten Teil schreibe ich, aber nicht jetzt.

April 4, 2008 at 8:43
und dazu hat noch keiner etwas gesagt? das kann ich verstehen … auch ich bin sprachlos. und muß den zweiten teil noch lesen, unbedingt, herr mondmotte, dr.
April 5, 2008 at 4:03
Ich glaube nicht einmal, dass viele Leute den Weg hierher gefunden haben.
April 5, 2008 at 8:20
ich hab sie mal mit in meine blogliste genommen, herr mondmotte, ihr froindliches einverständnis vorraussetzend. dann ändert sich das sicher. außerdem ist dieser blog ja noch ganz jung. ich bin gespannt auf weiteres.
April 5, 2008 at 12:26
Oh, wo das herkam, ist noch mehr. Ich glaube, das wäre dann der erste Platz in irgendeiner Blogroll. Verbindlichsten Dank!
P.S: Es kann übrigens durchaus sein, dass ich “Licht Und Schattentage” nicht immer ganz allein schreiben werde; daher mag der Link mit “Herr Mondmotte” irgendwann nicht mehr ganz zutreffend sein. Jedenfalls hoffe ich das.
April 5, 2008 at 1:29
na das freut mich aber für sie *zwinker* – informieren sie mich rechtzeitig, dann ändere ich den namen unverzüglich. in “herr und frau mondmotte” oder ganz wie sie wünschen. *smile*