Der seltsame Gang am Morgen danach
April 22, 2008
Du gehst nach Hause und fühlst dich eigentlich wirklich gut. So richtig selbstgefällig, wie es nur nach ein paar sehr anstrengenden angenehmen Stunden im eigenen oder fremden Bett geht. Das „war doch wohl ziemlich gut“ Gefühl. Dann, wenn man noch nicht einmal im Traum an den postkoitalen Muskelkater des Untrainierten denkt, der am nächsten Morgen so sicher da ist … all die merkwürdigen Gedanken. Die Hormondusche.
Sozusagen.
Am nächsten Tag erst kannst Du nur noch so unentspannt gehen. Jeder kann sehen was du letzte Nacht getan hast! Jedenfalls glauben wir das, du und ich.
Haben Frauen eigentlich auch diese Höllenqualen wie männliche ungeübte Liebhaber? Das könnte die Erfolgschancen eines entsprechenden Gymnastikprogramms noch einmal um mehr als 50% steigern. Weniger Muskelkater führt zu mehr Sex, mehr Sex führt zu mehr Kindern, mehr Kinder führen zu weniger Rentenproblematik, was wieder zu mehr sozialem Frieden und letzendlich zur Rettung Deutschlands, wenn nicht gar der ganzen Welt führen wird.
Klaut ruhig die Geschäftsidee. Aber ich will meinen Namen auf der DVD-Hülle des Workouts.
Online, Teil zwei
April 10, 2008
Ich bekomme zwei Karten für Chinesische Prügelmönche geschenkt und weiss genau, mit wem ich diese Show sehen will. Dummerweise sprechen wir nicht mehr miteinander.
Ich traue mich nicht, sie hat keine Zeit, einen Anderen oder schlechte Laune und dann ist sie wieder ewig nicht online. ‚Sie hat mich bestimmt auf ihrer Bannliste und ich kann sie unsichtbar nicht sehen.‘, Mutmaße ich.
Irgendwann sehe ich sie wieder einmal online und spreche sie an – oder habe ich ihr eine Mail geschrieben? Weiss ich gar nicht mehr.
Ist auch völlig egal, ich freue mich sehr. Sie ist verwundert, dass ich mich melde und fragt mich, warum eigentlich? Das verwundert mich. Weil ich sie vermisse, weil ich sie mag.
Weil ich ein schlechtes Gewissen habe – deswegen natürlich auch.
Ich weiss nicht recht, ob ich wieder in sie verliebt bin, oder ob ich noch in sie verliebt bin, oder ob es nur die Freundin ist, die ich vermisse.
Ich weiss, dass ich sehr glücklich in dem Moment bin, in dem sie mir antwortet.
Und sie will mit mir die Mönche sehen. In Bielefeld. Sie kommt her. Ich tanze durch die Wohnung und verstauche mir den Knöchel.
Ich freue mich so sehr. Und fühle mich schäbig, weil sie so viel besser zu mir ist, als ich es verdient hätte.
Wenig später flirten wir wieder miteinander. Noch ein wenig später haben wir wieder Telefonsex. Über Verliebtsein sprechen wir nicht mehr. Das entspannt enorm.
Wenn wir miteinander sprechen, dann fühlt sich das richtig an. Ich bin zwar nervöser als früher, aber das scheint sie nicht sonderlich zu stören. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich mir wünsche, sie immer um mich zu wünschen. Eine Frau, die ich erst einmal gesehen habe.
Nicht, dass ich dabei so richtig an eine Beziehung denke. Sie hat mir ja gleich gesagt, dass sie so etwas eh nicht will, dass sie sich nicht verliebt. Normalerweise. Solche Themen vermeide ich lieber nach der letzten Krise; ich bin froh, sie wiederzuhaben und will nichts aufs Spiel setzen.
Die Funken sprühen jedenfalls zwischen uns.
Und wie sie sprühen. Nicht auszudenken, wären wir Nachbarn. Das wäre unterhaltsam, aber auch sehr anstrengend. Ich werde schon wieder vorzeitig sentimental. Warum gibt es sie nicht in der Nähe? Wir würden tolle Freunde. Oder ein wildes Paar, bis wir irgendwie den Untergang des Planeten herbeiführen – das kann irgendwie nicht lange gutgehen, da bin ich mir sicher. Und wenn doch? Ich werde immer nervöser und merke vor lauter Durcheinander , dass ich sie schlicht und einfach … lieb habe.
Ich habe sie lieb, weil sie ein lieber Mensch ist und weil sie mich auch lieb, äh, gern hat, da bin ich mir sicher.
Das zu sagen würde ich nicht wagen. Es könnte sie verschrecken und sie nimmt es sicher eh nicht ernst und wenn doch, dann ist sie vielleicht weg. Aus Rücksicht, weil sie nicht will, dass ich mir Illusionen mache, die sie nicht wahr machen kann.
Oder so.
Wir wissen beide, dass wir endlich im Bett landen werden. Wir reden nicht großartig darüber. Das wäre unnötig.
Dann ist der Tag da und ich bin – nervös. Keine Überraschung.
Wir verpassen uns und ich bin so fertig als wir uns sehen, mitten in der Stadt, fertig mit den Nerven und völlig ohne Parkplatz. Sie ist auch mit den Nerven am Ende, aber sie zu umarmen tut gut, endlich, auch wenn es nur kurz ist, hastig, damit die Ordnungshüter sie nicht kassieren und sie am Ende ohne Auto oder aber mit kostspieligem Ticket dasteht.
Ich bin sehr angespannt, aber als wir dann in der ersten (war es die zweite?) sitzen, werde ich ruhiger. Ganz lassen wir nicht die Finger voneinander und das ist gut.
„Die armen Mönche“, denke ich. „Die haben da diese Frau vor sich sitzen und sind … Mönche.“
Die Show war toll, aber ehrlich gesagt hätte ich auch gern mit ihr in einer leeren Stadthalle gesessen.
Und dann etwas essen, in meiner Stammkneipe. Es gefällt ihr, was mich erleichtert – ich kenne ihre feine Zunge und ihren Sinn für Gutes inzwischen gut und freue mich, dass sie sich wohl fühlt. Nachts mit ihr in einer Bar zu sitzen ist so ein natürliches Gefühl mir ihr. Ich bekomme Lust auf einen ordentlichen Absturz, aber wir müssen beide fahren.
Ich habe auch Lust auf andere berauschende Sachen und auch darin bin ich nicht allein. Das nächste Bett ist meines und 45 km entfernt, auch das schaffen wir fast mit links, obwohl wir nicht nur einfach unendlich geil, sondern auch ganz schön müde sind.
Ich sehe, dass sie etwas Rüschiges unter ihrer unverfänglich aussehenden Bluse getarnt hat und grinse, schaffe es aber irgendwie, das Thema zu wechseln.
Und sie küsst gut. Jedesmal lerne ich, selbst etwas besser zu küssen. Ich werde viel besser an diesen Abend.
Wir kommen an, und huschen herein – natürlich ist mein Vater noch wach, ich stelle sie vor und hole Wein; etwas Alkohol muss einfach sein und dann gehen wir hoch. Die Gläser leeren wir kaum, aber wir haben Besseres vor und schon viel zu lange gewartet.
Ich muss wegschauen, sie habe etwas vorbereitet. Ich setze mich aufs Bett.
Als ich die Augen wieder aufmache, hat sie ein unfassbares Teil an, mit Rüschen, es ist schwarz und rot, aber nicht so rot und so dunkel wie ihre Augen.
Gar nicht so einfach, sie aus so einem Einteiler zu schälen.
Ich bin noch viel müder als sie, aber wir haben so lange gewartet und es entläd sich schnell und sehr, sehr laut; ich liebe es, sie stöhnen zu hören, was ich nicht erwartet habe, es stachelt mich auf… auch die Tatsache, dass sie von hinten genauso hochinteressant ist wie von vorn. Und dann machen wir lieber eine Pause, das Bett ist inzwischen ziemlich feucht. Ich wünsche mir, keinen niedrigen Blutdruck zu haben und wacher zu sein, sie hat eine bessere Kondition verdient. Ich sollte sie tagsüber treffen und dann mit ihr schlafen, das wäre sicher einfacher und ich könnte ihr mehr geben.
Ich könnte bis zum nächsten Treffen trainieren.
Himmel, bin ich erledigt. Sie hingegen … sieht sehr motiviert aus. Oh ja. Sie sieht verdammt toll und mächtig motiviert aus. Motiviert bin ich auch. Aber …
Sie kuschelt nicht, denke ich, als wir ein wenig kuscheln.
Ich denke an meine inzwischen nicht mehr so neue Freundin, die meine Bettgefährtin so gar nicht mag. Wie wir waren und den Rauswurf mitten in der Nacht. An die Tränen und die bitteren Vorhaltungen.
Meine derzeit etwas irre Mutter hat garantiert alles gehört.
Gleich werden wir verdammt laut miteinander sein. Wenn meine Mutter da wieder eine Szene macht, dann war es das mit uns. Das würde sie mir nie verzeihen. Nicht nach dem letzten mal, nicht nach einer neuen Demütigung. Ich könnte es mir nie verzeihen.
Ich bitte sie also, schon jetzt zu fahren.
Es bricht mir das Herz, was ich nicht erwartet habe und sie versteht nicht recht, was kein Wunder ist, ich stammele nämlich.
Aber klar, sie macht das. Geht schon. Nur einen Kaffee, damit sie wach bleiben kann.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie der Abschied war.
Nur dass ich danach lange an der Straße stand. Das Handy in der Hand. Ihr Auto war schon lange nicht mehr zu sehen. Sollte ich anrufen? Oh, sollte ich? Allein schon, weil sie selbst endlos müde sein muss, sie kann doch so nicht fahren. Ja, sollte ich. Aber ich schäme mich so sehr. Ich fühle, das hier, das war ich gerade getan habe – das ist es was ich mir nie verzeihen werde.
Das hat nichts mit Sex zu tun. Auch wenn ich daran denke, als ich endlich den Rest des Weines aus den Gläsern und gleich noch den aus der fast vollen Flasche intus habe und allein im immer noch klammen Bett liege; auf der feuchten Stelle, übrigens.
Ich habe sie verraten, ich habe getan was man einer Freundin nie antun darf; einer Freundin, richtig. Ich hänge so schrecklich an ihr und ich behandele sie wie Dreck, ich versage ein ums andere Mal. Wie sollte ich ihr das sagen, jetzt nachdem ich es schon wieder getan habe? „Du, ich finde wir sind irgendwie seelenverwandt. Ich weiss ja nicht wie Du das siehst, aber … ich finde, wir sollten einfach immer miteinander zu tun haben, weil ich ohne dich nicht gut kann, ehrlich. Nicht dass ich dich jeden Tag sehen muss, aber ich will nicht in einer Welt leben, in der wir uns nicht gern haben. Und ich kann das nicht erklären.“
Das würde gar nicht gehen, oder?
Ich dachte, sie würde nie wieder mit mir sprechen.
Wir gehen später miteinander essen und es ist wundervoll. Es sind immer nur wenige Stunden, aber die sind es mir wert, die fühlen sich an wie Geschenke.
Nach den ersten Versuchen schaffe ich es Tatsächlich, mich nicht gleich wieder in sie zu verlieben.
Die Schuldgefühle brauchen länger; vielleicht verblassen sie irgendwann.
Meine Welt ist eine Welt mit dieser Frau darin, die sich für mich Sachen tut, die einfach unentschuldbar toll sind; kein einziger meiner Freunde hat jemals so sehr meinen Dank verdient. Und wenn sie einmal gehen sollte, dann ist meine Welt nicht mehr in Ordnung.
Ich wünschte nur manchmal, ich könnte ihr so helfen, wie sie mir versucht zu helfen. Ich kann ihr nur versprechen, dass sie sich zumindest ebenso sehr auf mich verlassen kann wie ich weiss, mich auf sie verlassen zu können.
Manchmal muss ich Sushi essen gehen, ein paar perfekte Stunden mit ihr haben. Dann geht es weiter. Es gibt Freunde, die meine Kraft rauben, die mich erschöpfen, aber sie ist anders; wenn ich von ihr lese und mit ihr spreche und noch besser, Zeit an ihrer Seite verbringen, dann fühle ich mich noch Wochen danach stärker und mutiger.
Superman braucht gelbes Sonnenlicht (habe ich gehört.), um fliegen zu können und für die Gerechtigkeit zu kämpfen. Ich brauche manchmal eine Riesenladung rohen, teuren Fisches und vielleicht ein paar Bier in genau dieser ganz speziellen Gesellschaft. Ich kann danach zwar nicht fliegen, aber so sehr lächeln, dass ich damit einen Atombunker bis in den letzten Winkel ausleuchten könnte. Weil ich diese Freundschaft habe, die allerbeste Saufkumpanin, mit der ich nie richtig gesoffen habe.
Hoffentlich glaubt sie selbst einmal ein paar Sekunden lang, wie einsame Spitze sie ist.
Und dieser verdammte Stolz, der mich alle paar Wochen in den Wahnsinn treibt. Der ist auch immer noch da. Eine Frau, die erzählen kann, nackt und besoffen ohne Erinnerungen an die letzten Stunden in ihrer Wohnung aufzuwachen und trotzdem kein Stück ihres Charme und ihrer Würde verliert, so eine Frau werde ich nie aufgeben. Nicht allein deswegen. Aber auch.
Eine bessere Freundin kann ich mir wirklich nicht vorstellen, sie ist wirklich die Allerbeste.
Online, Teil eins
April 8, 2008
Manchmal findet man auf irgendeine Weise Leute online, die man gleich mag und wenn man Glück hat, findet man ihre Email-Adressen heraus. Damit ist es allerdings meistens schon vorbei. Nicht in diesem Fall.
Sie schreibt wirklich zurück und sie hatte mich mit der ersten Zeile. Ich habe sie seitdem nie wieder für zu jung für irgendetwas gehalten und auch nur noch Frau und nie mehr Mädchen gedacht.
Sie flirtet mit mir und ich flirte zurück; ich mag sie und ich gefalle ihr, schreibt sie. In Rekordzeit sind wir bei erotischeren Themen und sie hate Humor und Charme und jedes mal, wenn ich die Mail mit dem Hinweis einer neuen Nachricht von ihr bekomme, habe ich das Gefühl einer aufziehenden Gänsehaut in meinem Nacken; die kleinen Härchen stellen sich auf. Das Warten auf das unerträglich langsame Mailsystem ist hart, aber es hat auch etwas von einem heiligen und gleichzeitig ziemlich unanständigen Ritual.
Es werden immer mehr und immer ausführlichere Nachrichten.
Meine neue beste Freundin erzählte mir von dieser Neuen , die sie „weibchenhaft“ und „arrogant“ findet – wie könne man mit seiner eigenen Zickigkeit kokettieren? Gerade wollte ich ihr sagen, dass ich da jemand kennengelernt hätte, eine Frau die mir gefällt und die sie vielleicht auch mögen wird, aber ich verzichtete in einem seltenen Anflug von Weisheit darauf.
Der Chat wird eingerichtet und er funktioniert so lala. Ich bin trotzdem in jedem freien Moment da. Die Frau tauchte auf, die neue beste Freundin war dort und die Freundin hasste sie vom ersten Augenblick an. Sie, die Frau mit den mondlichtblauen Augen, war keine divenhafte Persona, die sich jemand aus Langeweile ausgedacht hat. Sie ist in diesem Momenten die Diva dieses Chats und die Frauen konnten sie mit solcher Sicherheit nicht leiden wie Männer auf sie flogen.
Ich bin enorm eifersüchtig. Auf jeden. Und ich hasse es an mir. Aber ich genieße es auch, mir mit ihr Wortduelle zu liefern, die Funken sprühen zu sehen.
Wir schaffen uns Skype an und telefonieren. Ihre Stimme gefällt mir; ich kannte einmal eine Sängerin und ahnte, dass auch sie einmal etwas in der Richtung getan haben musste. Ich liebe ihre Stimme sehr, vor allem ihr Lachen. Außerdemich war fürchterlich nervös und stammelte und verhaspelte mich. Das scheint sie nicht zu stören, sie mag meine Stimme, sagt sie Und hin und wieder, in einigen erwählten Sekunden, tut sie das das erstaunliche, sie schnurrte und hauchte auf eine Weise, die mir heiße und kalte Schauer über den Rücken schickt.
Sie hatte mich mit dem ersten Satz.
Dann schalten wir die Kamera ein. Ihre Augen auf Fotos waren nichts gegen diese. Ah, dieses Kribbeln, hat sie das auch? Ja. Ich atmete schwerer und hoffte, dass es ihr nicht auffiel. Ihr Blick wurde wie der einer Wildkatze und sie schaute mir tief in die Augen – Mmmmh….! machte sie und sie fühlte nach und und ich höre sie stöhnen. Ich fühle bei mir nach und werde fündig, über alle Maßen fündig. Bin ich still geblieben? Ich kann mich nicht erinnern.
Ich weiss aber noch, dass meine Mutter fast in genau diesem Moment zum Essen ruft und wir hastig auflegten.
Das nächste Mal lassen wir uns mehr Zeit. Sie zeigt mir, was ich sehen wollte, und ich ertappe mich dabei, ihr zu zeigen, worauf sie Appetit hatte, egal was es es auch sein sollte und wie oft und ich genieße ihre Stimme und ihre Blicke und ihre Lust. Ich weiss nicht wie mir geschieht.
Und ich bekomme Angst, sie könnte sich in mich verlieben. Ich bekomme Angst, dass ich mich in sie verlieben könnte und das ganze unweigerlich schrecklich und schmerzhaft und traurig enden würde wie das letzte Mal. Ich hatte Angst, dass das mit dem Verliebtsein für mich erledigt war, dass ich zerbrochen war. Dass ich nicht sein könnte, was sie sich wünscht. Was ich glaube, dass sie sich wünscht.
Aber ich mag die Frau sehr, immer mehr. Ich bin hingerissen und vertraue ihr, augenblicklich war das so gewesen, ich hätte alles mir ihr gemacht und alles für sie gemacht und ich hatte das Gefühl, es wäre auch bei ihr so. Das machte mir Angst. Es ging so verdammt schnell und ich bin doch ein misstrauischer, verklemmter Außenseiter, der sich nicht so gut öffnen kann.
Natürlich bin ich nicht in sie verliebt.
Aber wenn sie nicht online kommt und keine Nachricht für da ist, fühle ich mich unendlich schlecht und schreibe ihr stapelweise eigene.
Wir haben Telefonsex, so oft wir können und Videokamerasex so oft wir das Gefühl haben, dass es sich anbietet und das hatten wir dauernd.
Ich will sie so so gern sehen. Ich mag sie und vielleicht hatte das ein Ende mit dem Sex, es würde nicht aus dem Ruder laufen und wir würden Freunde sein, die Sache unter Kontrolle bekommen, so wie ich es gewöhnt war in meinen Beziehungen – Freundschaft oder Katastrophe waren scheinbar meine einzigen Optionen für das, was nach dem ersten Sex kommen konnte. Ich will nicht, dass wir je miteinander Streit haben würden, aber ich habe auch Angst, dass sich der Sex aus der Ferne irgendwann totlaufen würde und nichts mehr bleiben würde; der nächste Schritt muss kommen. Vor dem ersten Treffen habe ich schon Angst, sie zu verlieren.
Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit.
Das ist ein großes Abenteuer und ich bin unendlich scharf auf sie, ja, aber auch neugierig. Aber da könnte ja nichts laufen, oder? Ich versuchte, mir keine Hoffnungen zu machen. Ich mochte sie ja wirklich sehr und ich hatte immer noch dieses unheimliche Vertrauen, dass da nichts schieflaufen könnte, ich bin mir tödlich sicher, dass es schön sein würde, dass wir uns mögen werden.
Sie holt mich am Bahnsteig ab und wir sind beide nervös. Reden über belangloses Zeug. Wie das eben so ist, wenn man eigentlich nur hinschauen will, aber die Spannung zu groß ist, wenn man nicht fassen kann, dass man es wirklich getan hat, das man sich getroffen hat und alles gut ist. Wenn man einfach durchatmen muss und lächeln und sich vorsichtig freuen und dabei kommen dann auch Wörter raus. Wie war die Fahrt – gut – wie geht es – gut.
Manchmal macht das Bildschirmlicht Augen blauer, aber ihre sind so mondlichtblau wie ich sie mir vorgestellt hatte. Nicht dass ich Erwartungen gehabt hätte, versteht sich.
Sie auch nicht, sagt sie. Aber sie lächelt dabei ihr Raubkatzenlächeln (Sie war immer eine liebenswerte, freundliche Raubkatze, aber sie hatte immer noch Krallen wie alle anderen katzen. Und das, obwohl sie eigentlich lieber Hunde mochte.) Das enge weiße Top, das ihre beeindruckenden Kurven aufs erfreulichste betont – das war mir allerdings nicht entgangen. Sie hatte nur eine dünne Jacke darüber getragen die an diesen frostigen Tag sicher nicht gewärmt hat.
‚Sie ist kleiner und schöner und toller, aber sonst genauso‘, denke ich, als wir uns setzen und die ersten richtigen Worte finden, in einem lauten und auch sonst fürchterlichen Irish Pub. Eigentlich war es nicht der Pub, der fürchterlich war, sondern mehr die Leute darin und die Musik die lief. Das Bier war in Ordnung, aber ausnahmsweise ist das nicht so wichtig. Sie hat ihr erstes Guinness mit mir getrunken und mochte es nicht sonderlich, wenn ich mich richtig erinnere.
Ich glaube, es vergehen keine fünf Minuten, bis wir rein zufällig und ganz und gar unschuldig beginnen, Händchen zu halten. Sie riecht gut, finde ich. Ich würde sie blind erkennen können, nur durch ihren Geruch Ganz eigen und unbeschreiblich. Ich war ziemlich besoffen von ihrer Gegenwart. Sie hielt gut mit, allerdings mit Bier.
,Ich mag dich‘ gestehe ich überflüssigerweise. Sie mich auch, sagte sie und wie zufällig lenkt sie meinen Blick in eigentlich verbotene Regionen, die sich wie vom Schicksal bestimmt aufs Angenehmste präsentieren. Wir tauschen Blicke unter Verschwörern aus; verspätet wird mir klar, dass ich bereits seit einer Weile verführt werde. Ich finde es wundervoll und fühle mich wohl wie selten; ich tue mein Bestes, um mitzuhalten. Ich rede zu schnell und mich um Kopf und Kragen.
Wir beschließen, dass diese Kneipe nicht ganz nach unserem Geschmack ist.
Es ist kalt draußen und sie fröstelt sichtlich. Ich gebe zu, es wäre mir auch ein anderer Vorwand eingefallen, sie in dem Arm zu nehmen. Ich hätte sie auch ohne Vorwand umarmt. Das musste sein.
Ich habe vielleicht etwas Dummes gesagt – dass ich sie jetzt wirklich küssen müsse, oder etwas in vergleichbarer Peinlichkeitsklasse. Ich glaube aber nicht. Ich weiss nur, dass der Kuss gut ist… wir machen das gleich nochmal und sie lächelt mich an. In mir knirscht etwas und gibt nach.
Wir gehen Arm in Arm durch die kalte Stadt und wärmen uns in immer kürzeren Abständen aneinander auf.
Sie findet eine australische, die nach unserem Geschmack ist, unter anderem weil das Bier billiger ist, das Publikum netter und man Sitzgelegenheiten hat, auf denen man besser aufeinander sitzen kann.
Das wird natürlich bald erprobt.
Das bleibt nicht ohne Folgen.
Das macht uns Spass.
Eine Weile fallen ihr dauernd Leute auf, die sie kennt, aber das lässt nach ein paar Bieren nach. Wir sind ja auch viel zu beschäftigt; ich wundere mich bis heute, warum man uns nicht herausgeworfen hat. Vielleicht weil wir so gute Kunden waren. Oder so unterhaltsam.
Unsere Hände unternehmen Forschungsreisen. Wir tun so, als würden die anderen Gäste davon nichts mitbekommen, und wennschon, es wäre uns egal. Ihr bestimmt, sie ist inzwischen betrunkener als ich. Mir ist es spätestens dann einerlei, als mein Körper unmissverständlich auf sie reagiert.
Sie will mehr von mir, raunt sie mir ins Ohr. Ich will mehr von ihr.
Aber wir wanken ins Kino, als wir keinen geeigneten – gut geheizten und gleichzeitig blicksicheren Hauseingang – finden und uns keine Alternativen einfallen.
Wir schauen uns Casanova an. Ausgerechnet. Eine ziemlich mäßige, inzwischen wohl zurecht vergessene Neuverfilmung. Die anderen Gäste sind uns egal, als es dunkel wird und wir uns große Mühe geben, nichts vom Film mitzubekommen. Wir sind darin sehr erfolgreich.
Sie schläft mitten im Großangriff auf mein Allerheiligstes ein und sinkt auf meinem Schoss zusammen, die Hand um das Missionsziel geschlossen. Ich decke sie mit meiner Jacke zu und streichele durch ihr Haar; ich versuche das alles bis zum Anknipsen des Lichts möglichst sittsam aussehen zu lassen. Es gefällt mir irgendwie. Auch wenn ich ganz dringend … nun, aufs Klo muss.
Als sie wach wird, ist es ihr peinlich.
Mir gar nicht.
Sie entschuldigt sich.
Nicht nötig, ich fand es schön.
Jaja, sagt sie.
Wir gehen zum Bahnhof und küssen uns hinter Säulen und hinter geschlossenen Gemüseständen, um nicht von der anwesenden Polizei gesehen zu werden; warum weiss ich nicht mehr. Aber die haben so komisch rübergeglotzt! Das stört.
Wir warten auf ihren Zug und ich hasse es das erste Mal in meinem Leben, Abschied von ihr zu nehmen. Wir sind völlig übermüdet und stehend KO, aber wir können noch winken und SMS schreiben.
Eine Woche später oder so fragt sie mich, ob ich mehr von ihr will, und ich sage, ich weiss es nicht, es geht so schnell und ich weiss gar nichts. Eigentlich bin ich nur verwirrt und überrumpelt und hilflos. Gut über Gefühle reden konnten wir immer schon gut; das ging ganz leicht, aber zwischen uns war es nie leicht.
Später fragt sie mich noch einmal und ich denke daran, wie es mit meiner Ex ausgegangen ist und dass ich einfach nicht will, dass es so schrecklich wird mit mir und ihr und … ach, verdammt. Ich sage nein und bereue es gleich.
Sie sagt ziemlich viel, an das ich mich nicht erinnern kann, aber ich merke, das ich sie schwer getroffen habe.
Ich will etwas sagen, aber …
Keine Diskussion. Damit ist es erledigt, damit ist alles geklärt. Kein Kampf? Sie gab einfach auf? Es war … egal? Das konnte ich nicht glauben und es machte mich wütend. Ich war ja nicht verliebt, oder? Stimmt, genau. Trotzdem … das fühlt sich alles so verdammt falsch an und wir streiten uns kurz darauf das erste Mal und das richtig übel. Worüber? Natürlich habe ich das vergessen.
In der Folge sehe ich sie online, aber sie hat keine Zeit. Dann hat sie einen anderen, sagt sie und verschwindet von der Bildfläche. Und sie fehlt mir schrecklich; es ist nicht die Skypekamera, die mir fehlt. Ich bin schockiert darüber, wie sehr ich sie vermisse.
Ich bin nicht überrascht, ein schlechtes Gewissen zu haben.
Ich kann ertragen, dass sie nicht mit mir zusammen ist, ich kann ertragen, mit ihr anderer Meinung zu sein, ich kann damit leben, dass sie nicht mit mir flirtet, aber ich kann nicht ertragen, dass sie nicht irgendwie da ist.
Die Straße, Kapitel 1: Cornelius schnürt sein Bündel
April 5, 2008
Es war ein Tag im Frühling, einer von denen, die sich immer noch fast wie Winter anfühlten, obwohl die Sonne schon hoch am Himmel stand. An diesem Tag packte Cornelius seine Sachen und begann seine Reise.
Und diese Sachen waren es, die er nach reiflicher Überlegung zusammentrug und in einen alten, erprobten Lederrucksack und einem Bündel mitnahm:
Einen langen, festen Stab aus Holz, denn sein Bündel wollte ja auch an irgendetwas getragen werden.
Eine alte Pistole mit einer Pulverdose und allem was dazugehörte, dazu 20 Schuss.
Ein fleckiges, dafür aber sehr scharfes Messer. Damit konnte man Fische ausnehmen und hoffentlich Straßenräuber beeindrucken, sollte die Pistole versagen. Das war nicht unwahrscheinlich, schließlich hatte sie Cornelius‘ seligem Großvater gehört und war zuletzt von eben diesem abgefeuert werden.
Ein paar brauner Stiefel.
Ein Fläschchen aus Erdgut, mit feinem Schwarzgebrannten darin.
Würfel sowie Spielkarten.
Eine harte, getrocknete Wurst aus dem Fleisch von wilden Schweinen.
Hartkäse und ein wenig Brot, das sicher nicht lange ausreichen würde.
Essbesteck und alles, was ein Gentleman für die Körperpflege brauchte.
Ein altmodisches Feuerzeug mit einem Zunderkästchen dazu.
Eine verbeulte Blechtasse, einen ebensolchen Topf und eine Dose mit starkem, wohlriechendem Tee.
Eine Botanisiertrommel, denn Cornelius sammelte Blumen, die er presste und aufbewahrte, um sie sich im Winter anzusehen. Er wusste, das einige ihn deswegen für einen Gelehrten hielten, was nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein konnte, aber er ließ sie in ihrem Glauben.
Eine Hose mit weißen und blauen Streifen.
Ein Hemd.
Eine warme Jacke und diesen alten Hut, der schon lange aus der Form war.
Und ach so wenige Münzen.
Das reichte ihm aus, um seine Reise zu beginnen, aber tatsächlich besaß er auch nicht viel mehr, außer seiner Unterkunft bei seinem Meister, einem Bäcker, was aber nicht weiter wichtig für unsere Geschichte ist, für Cornelius war es noch entschieden unwichtiger. Als er ging, sagte er niemandem Lebewohl und er ließ keine Briefe und keine Nachrichten zurück.
An diesem Morgen nahm er seine Sachen und trat auf die Straße. Die ersten Schritte fühlten sich kribbelig seltsam an und Zweifel drohte ihn einzuholen, doch als er ein wenig schneller ging, blieben die Zweifel an seiner Entscheidung genauso hinter ihm zurück wie die Häuser des Dorfes hinter den Hügeln verschwanden. Unser Held jedenfalls sah nicht zurück, so wie es im Geschäft der Helden ein alter Brauch ist, sondern voran und dann und wann nach beiden Seiten, er sah Gehöfte und Feldern, Flüsse und Berge und manchmal auch Städte in der Ferne, über denen sich Rauchfäden im Himmel verloren.
Bald dauerte es immer länger, bis die nächste Stadt in Sicht kam, dann dauerte es Tage, bis er in ein Dorf kam; die meisten hatten Gasthäuser in denen er übernachten und etwas speisen konnte, meistens gab es etwas Brot für seinen Beutel, für ein paar seiner Münzen, die erschreckend schnell zur Neige gingen und bald bis auf eine aus Kupfer und zwei kleine aus Silber aufgebraucht waren.
Das Brot war schnell aufgegessen und dann ging der Käse zur Neige. Aber langsamer ging Cornelius nicht. Meistens wagte er nachts ein Feuer zu entfachen, das man sicher auf Meilen und Meilen sehen konnte, dann kochte er sich einen Tee und knabberte an einem Stück Käse. Er versuchte Maß zu halten, aber das fiel ihm schwer. Die Wurst sollte für ganz schlechte Zeiten sein und noch war er nicht bereit, an diese Notration zu gehen.
Sein Magen war anderer Ansicht und knurrte beim leisesten Gedanken an geräuchertes Wildschwein. Ganz recht, dachte er. Wenn nicht bald etwas Proviant gefunden würde, wären die schlechten Zeiten da.
Aber er ging weiter, einen Fuss vor den anderen. Die Dörfer wurden weniger, dann kamen die Felsen und nur ein fliegender Händler oder zwielichtigere Gestalten kamen ihm entgegen. Manchmal versteckte er sich lieber hinter einem Gebüsch oder hinter schattigen Felsvorsprüngen, wenn die Gestalten zu zerlumpt waren, die Kutschen mit halsbrecherischem Tempo herangedonnert kamen oder man schon von weitem das helle klingen von metallischen Gegenständen hören konnte, die man am Körper trug.
Er versuchte seinen Atem zu beruhigen, sein wild klopfendes Herz dröhnte laut in seinen Ohren – das würden sie doch bestimmt die wenigen Schritte entfernt auf dem groben Pflaster hören, ihn entdecken und ihn holen kommen. Aber sie hörten ihn nicht, sie kamen nicht herbei gerannt, um ihn zu holen, um ihm ein unerfreuliches Ende zu bereiten.
Cornelius hatte schlimme Sachen gehört, über die wilden Gesellen, die sich auf der Straße herumtrieben und schon so manchen einsamen Reisenden um sein Hab und Gut und nur zu oft auch um sein kostbares Leben gebracht haben, so wurde es jedenfalls erzählt – und wenn es nicht stimmte, dann würde es auch die vielen Stunden wert sein, in denen man sich die Geschichten erzählt hatte, oder etwa nicht?
Der Graue mit dem Haken war wohl mal ein Köhler gewesen, erzählte man sich. Wie jeder wusste, war er also arm, sehr arm und musste wohl noch öfter hungern als andere arme Leute. Manche sagten, er hätte eine Hellebarde dabei, wie sie Nachtwächter tragen, aber Cornelius hatte gehört, dass diese Geschichte übertrieben war. Es war ein Stab mit einem Haken am Ende, mit dem man bei Bränden die Balken aus dem Flammen ziehen konnte und auch sonst allerlei nützliche Aufgaben erfüllen konnte. Der Graue war ein alter Mann, mit schlechten Zähnen. Und wenn man ihn traf, auf der Straße, dann würde er seine Frage stellen. Ob seine Hilfe ein paar Silberlinge wert sei. Wenn es einmal brennen sollte. Und wenn man dann keine Silberling für den Grauen übrig hatte, dann würde niemand hören, wenn man um Hilfe schreit, wenn das Haus in Flammen steht, ganz egal wie laut man auch schreien und flehen würde. Andere erzählten, dass der Graue den Haken in diesem Fall auch auf eine ganz andere als segensreiche Art und Weise verwenden könnte und dabei so flink und geschickt damit hantieren konnte, dass sich seinen Opfern sicher Anlass zu neuen Geschichten geboten hätte, würden sie nur irgendwann einmal die Begegnung überleben.
Die Knochenjenny hat nur drei Zähne, aber sie war mal eine schöne Frau und das würde man noch sehen, sagten sie, manche waren sich auch sicher, dass sie immer noch schön war , bis sie den Mund aufmachte und ihr schreckliches Lachen sehen und hören ließ, das altgedienten Söldnern die Farbe aus den Haaren und das Zipperlein in die Beine trieb. Sie würde freundlich grüßen und um ein Almosen bitten und wenn das nicht gegeben wird, um ein Spiel mit den Würfeln. Und oh, sollte man auch nicht den Fehler machen, ihre eigenen Würfel zu verwenden und die eigenen ins Spiel bringen, so würde einem das Glück nicht hold sein, sondern Münze um Münze, ja sogar Stiefel und Rock wären bald Eigentum der Knochenjenny. Und wer ihr dann nicht zum Willen war, den konnte man irgendwann am Rand der Straße mit säuberlich durchtrennter Kehle finden. Wer allerdings ein Liedchen zu singen verstand oder eine Fiedel zum spielen dabei hatte, der konnte sie wieder zum folgenschweren Lachen bringen und sein Leben retten; Knochenjenny würde die Nacht durchtanzen, solange die Lieder nicht endeten und bis die Sonne sich zeigte; wer so lange nicht ins Stocken geriet, dessen Leben war gerettet.
Cornelius kannte noch einige Übeltäter mehr und war sich nicht zu schade, in Deckung zu huschen, sobald er nur Schritte, sobald er nur Schatten weit in der Ferne sah.
Doch nicht nur der Magen knurrte ihm immer unerträglicher, auch die Nähe von Menschen begann ihm zu fehlen, so kurz nachdem er alles hinter sich gelassen hatte was ihm je lieb und teuer gewesen war. Die Gesellschaft eines legendären Halsabschneider konnte so schlecht nicht sein und sicher ein gutes Gespräch am Feuer, wenn – ja, wenn er dabei seinen Hals, sein Haar und seine flinken Beine retten könnte.
Das dachte er jedenfalls.
