Online, Teil eins
April 8, 2008
Manchmal findet man auf irgendeine Weise Leute online, die man gleich mag und wenn man Glück hat, findet man ihre Email-Adressen heraus. Damit ist es allerdings meistens schon vorbei. Nicht in diesem Fall.
Sie schreibt wirklich zurück und sie hatte mich mit der ersten Zeile. Ich habe sie seitdem nie wieder für zu jung für irgendetwas gehalten und auch nur noch Frau und nie mehr Mädchen gedacht.
Sie flirtet mit mir und ich flirte zurück; ich mag sie und ich gefalle ihr, schreibt sie. In Rekordzeit sind wir bei erotischeren Themen und sie hate Humor und Charme und jedes mal, wenn ich die Mail mit dem Hinweis einer neuen Nachricht von ihr bekomme, habe ich das Gefühl einer aufziehenden Gänsehaut in meinem Nacken; die kleinen Härchen stellen sich auf. Das Warten auf das unerträglich langsame Mailsystem ist hart, aber es hat auch etwas von einem heiligen und gleichzeitig ziemlich unanständigen Ritual.
Es werden immer mehr und immer ausführlichere Nachrichten.
Meine neue beste Freundin erzählte mir von dieser Neuen , die sie „weibchenhaft“ und „arrogant“ findet – wie könne man mit seiner eigenen Zickigkeit kokettieren? Gerade wollte ich ihr sagen, dass ich da jemand kennengelernt hätte, eine Frau die mir gefällt und die sie vielleicht auch mögen wird, aber ich verzichtete in einem seltenen Anflug von Weisheit darauf.
Der Chat wird eingerichtet und er funktioniert so lala. Ich bin trotzdem in jedem freien Moment da. Die Frau tauchte auf, die neue beste Freundin war dort und die Freundin hasste sie vom ersten Augenblick an. Sie, die Frau mit den mondlichtblauen Augen, war keine divenhafte Persona, die sich jemand aus Langeweile ausgedacht hat. Sie ist in diesem Momenten die Diva dieses Chats und die Frauen konnten sie mit solcher Sicherheit nicht leiden wie Männer auf sie flogen.
Ich bin enorm eifersüchtig. Auf jeden. Und ich hasse es an mir. Aber ich genieße es auch, mir mit ihr Wortduelle zu liefern, die Funken sprühen zu sehen.
Wir schaffen uns Skype an und telefonieren. Ihre Stimme gefällt mir; ich kannte einmal eine Sängerin und ahnte, dass auch sie einmal etwas in der Richtung getan haben musste. Ich liebe ihre Stimme sehr, vor allem ihr Lachen. Außerdemich war fürchterlich nervös und stammelte und verhaspelte mich. Das scheint sie nicht zu stören, sie mag meine Stimme, sagt sie Und hin und wieder, in einigen erwählten Sekunden, tut sie das das erstaunliche, sie schnurrte und hauchte auf eine Weise, die mir heiße und kalte Schauer über den Rücken schickt.
Sie hatte mich mit dem ersten Satz.
Dann schalten wir die Kamera ein. Ihre Augen auf Fotos waren nichts gegen diese. Ah, dieses Kribbeln, hat sie das auch? Ja. Ich atmete schwerer und hoffte, dass es ihr nicht auffiel. Ihr Blick wurde wie der einer Wildkatze und sie schaute mir tief in die Augen – Mmmmh….! machte sie und sie fühlte nach und und ich höre sie stöhnen. Ich fühle bei mir nach und werde fündig, über alle Maßen fündig. Bin ich still geblieben? Ich kann mich nicht erinnern.
Ich weiss aber noch, dass meine Mutter fast in genau diesem Moment zum Essen ruft und wir hastig auflegten.
Das nächste Mal lassen wir uns mehr Zeit. Sie zeigt mir, was ich sehen wollte, und ich ertappe mich dabei, ihr zu zeigen, worauf sie Appetit hatte, egal was es es auch sein sollte und wie oft und ich genieße ihre Stimme und ihre Blicke und ihre Lust. Ich weiss nicht wie mir geschieht.
Und ich bekomme Angst, sie könnte sich in mich verlieben. Ich bekomme Angst, dass ich mich in sie verlieben könnte und das ganze unweigerlich schrecklich und schmerzhaft und traurig enden würde wie das letzte Mal. Ich hatte Angst, dass das mit dem Verliebtsein für mich erledigt war, dass ich zerbrochen war. Dass ich nicht sein könnte, was sie sich wünscht. Was ich glaube, dass sie sich wünscht.
Aber ich mag die Frau sehr, immer mehr. Ich bin hingerissen und vertraue ihr, augenblicklich war das so gewesen, ich hätte alles mir ihr gemacht und alles für sie gemacht und ich hatte das Gefühl, es wäre auch bei ihr so. Das machte mir Angst. Es ging so verdammt schnell und ich bin doch ein misstrauischer, verklemmter Außenseiter, der sich nicht so gut öffnen kann.
Natürlich bin ich nicht in sie verliebt.
Aber wenn sie nicht online kommt und keine Nachricht für da ist, fühle ich mich unendlich schlecht und schreibe ihr stapelweise eigene.
Wir haben Telefonsex, so oft wir können und Videokamerasex so oft wir das Gefühl haben, dass es sich anbietet und das hatten wir dauernd.
Ich will sie so so gern sehen. Ich mag sie und vielleicht hatte das ein Ende mit dem Sex, es würde nicht aus dem Ruder laufen und wir würden Freunde sein, die Sache unter Kontrolle bekommen, so wie ich es gewöhnt war in meinen Beziehungen – Freundschaft oder Katastrophe waren scheinbar meine einzigen Optionen für das, was nach dem ersten Sex kommen konnte. Ich will nicht, dass wir je miteinander Streit haben würden, aber ich habe auch Angst, dass sich der Sex aus der Ferne irgendwann totlaufen würde und nichts mehr bleiben würde; der nächste Schritt muss kommen. Vor dem ersten Treffen habe ich schon Angst, sie zu verlieren.
Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit.
Das ist ein großes Abenteuer und ich bin unendlich scharf auf sie, ja, aber auch neugierig. Aber da könnte ja nichts laufen, oder? Ich versuchte, mir keine Hoffnungen zu machen. Ich mochte sie ja wirklich sehr und ich hatte immer noch dieses unheimliche Vertrauen, dass da nichts schieflaufen könnte, ich bin mir tödlich sicher, dass es schön sein würde, dass wir uns mögen werden.
Sie holt mich am Bahnsteig ab und wir sind beide nervös. Reden über belangloses Zeug. Wie das eben so ist, wenn man eigentlich nur hinschauen will, aber die Spannung zu groß ist, wenn man nicht fassen kann, dass man es wirklich getan hat, das man sich getroffen hat und alles gut ist. Wenn man einfach durchatmen muss und lächeln und sich vorsichtig freuen und dabei kommen dann auch Wörter raus. Wie war die Fahrt – gut – wie geht es – gut.
Manchmal macht das Bildschirmlicht Augen blauer, aber ihre sind so mondlichtblau wie ich sie mir vorgestellt hatte. Nicht dass ich Erwartungen gehabt hätte, versteht sich.
Sie auch nicht, sagt sie. Aber sie lächelt dabei ihr Raubkatzenlächeln (Sie war immer eine liebenswerte, freundliche Raubkatze, aber sie hatte immer noch Krallen wie alle anderen katzen. Und das, obwohl sie eigentlich lieber Hunde mochte.) Das enge weiße Top, das ihre beeindruckenden Kurven aufs erfreulichste betont – das war mir allerdings nicht entgangen. Sie hatte nur eine dünne Jacke darüber getragen die an diesen frostigen Tag sicher nicht gewärmt hat.
‚Sie ist kleiner und schöner und toller, aber sonst genauso‘, denke ich, als wir uns setzen und die ersten richtigen Worte finden, in einem lauten und auch sonst fürchterlichen Irish Pub. Eigentlich war es nicht der Pub, der fürchterlich war, sondern mehr die Leute darin und die Musik die lief. Das Bier war in Ordnung, aber ausnahmsweise ist das nicht so wichtig. Sie hat ihr erstes Guinness mit mir getrunken und mochte es nicht sonderlich, wenn ich mich richtig erinnere.
Ich glaube, es vergehen keine fünf Minuten, bis wir rein zufällig und ganz und gar unschuldig beginnen, Händchen zu halten. Sie riecht gut, finde ich. Ich würde sie blind erkennen können, nur durch ihren Geruch Ganz eigen und unbeschreiblich. Ich war ziemlich besoffen von ihrer Gegenwart. Sie hielt gut mit, allerdings mit Bier.
,Ich mag dich‘ gestehe ich überflüssigerweise. Sie mich auch, sagte sie und wie zufällig lenkt sie meinen Blick in eigentlich verbotene Regionen, die sich wie vom Schicksal bestimmt aufs Angenehmste präsentieren. Wir tauschen Blicke unter Verschwörern aus; verspätet wird mir klar, dass ich bereits seit einer Weile verführt werde. Ich finde es wundervoll und fühle mich wohl wie selten; ich tue mein Bestes, um mitzuhalten. Ich rede zu schnell und mich um Kopf und Kragen.
Wir beschließen, dass diese Kneipe nicht ganz nach unserem Geschmack ist.
Es ist kalt draußen und sie fröstelt sichtlich. Ich gebe zu, es wäre mir auch ein anderer Vorwand eingefallen, sie in dem Arm zu nehmen. Ich hätte sie auch ohne Vorwand umarmt. Das musste sein.
Ich habe vielleicht etwas Dummes gesagt – dass ich sie jetzt wirklich küssen müsse, oder etwas in vergleichbarer Peinlichkeitsklasse. Ich glaube aber nicht. Ich weiss nur, dass der Kuss gut ist… wir machen das gleich nochmal und sie lächelt mich an. In mir knirscht etwas und gibt nach.
Wir gehen Arm in Arm durch die kalte Stadt und wärmen uns in immer kürzeren Abständen aneinander auf.
Sie findet eine australische, die nach unserem Geschmack ist, unter anderem weil das Bier billiger ist, das Publikum netter und man Sitzgelegenheiten hat, auf denen man besser aufeinander sitzen kann.
Das wird natürlich bald erprobt.
Das bleibt nicht ohne Folgen.
Das macht uns Spass.
Eine Weile fallen ihr dauernd Leute auf, die sie kennt, aber das lässt nach ein paar Bieren nach. Wir sind ja auch viel zu beschäftigt; ich wundere mich bis heute, warum man uns nicht herausgeworfen hat. Vielleicht weil wir so gute Kunden waren. Oder so unterhaltsam.
Unsere Hände unternehmen Forschungsreisen. Wir tun so, als würden die anderen Gäste davon nichts mitbekommen, und wennschon, es wäre uns egal. Ihr bestimmt, sie ist inzwischen betrunkener als ich. Mir ist es spätestens dann einerlei, als mein Körper unmissverständlich auf sie reagiert.
Sie will mehr von mir, raunt sie mir ins Ohr. Ich will mehr von ihr.
Aber wir wanken ins Kino, als wir keinen geeigneten – gut geheizten und gleichzeitig blicksicheren Hauseingang – finden und uns keine Alternativen einfallen.
Wir schauen uns Casanova an. Ausgerechnet. Eine ziemlich mäßige, inzwischen wohl zurecht vergessene Neuverfilmung. Die anderen Gäste sind uns egal, als es dunkel wird und wir uns große Mühe geben, nichts vom Film mitzubekommen. Wir sind darin sehr erfolgreich.
Sie schläft mitten im Großangriff auf mein Allerheiligstes ein und sinkt auf meinem Schoss zusammen, die Hand um das Missionsziel geschlossen. Ich decke sie mit meiner Jacke zu und streichele durch ihr Haar; ich versuche das alles bis zum Anknipsen des Lichts möglichst sittsam aussehen zu lassen. Es gefällt mir irgendwie. Auch wenn ich ganz dringend … nun, aufs Klo muss.
Als sie wach wird, ist es ihr peinlich.
Mir gar nicht.
Sie entschuldigt sich.
Nicht nötig, ich fand es schön.
Jaja, sagt sie.
Wir gehen zum Bahnhof und küssen uns hinter Säulen und hinter geschlossenen Gemüseständen, um nicht von der anwesenden Polizei gesehen zu werden; warum weiss ich nicht mehr. Aber die haben so komisch rübergeglotzt! Das stört.
Wir warten auf ihren Zug und ich hasse es das erste Mal in meinem Leben, Abschied von ihr zu nehmen. Wir sind völlig übermüdet und stehend KO, aber wir können noch winken und SMS schreiben.
Eine Woche später oder so fragt sie mich, ob ich mehr von ihr will, und ich sage, ich weiss es nicht, es geht so schnell und ich weiss gar nichts. Eigentlich bin ich nur verwirrt und überrumpelt und hilflos. Gut über Gefühle reden konnten wir immer schon gut; das ging ganz leicht, aber zwischen uns war es nie leicht.
Später fragt sie mich noch einmal und ich denke daran, wie es mit meiner Ex ausgegangen ist und dass ich einfach nicht will, dass es so schrecklich wird mit mir und ihr und … ach, verdammt. Ich sage nein und bereue es gleich.
Sie sagt ziemlich viel, an das ich mich nicht erinnern kann, aber ich merke, das ich sie schwer getroffen habe.
Ich will etwas sagen, aber …
Keine Diskussion. Damit ist es erledigt, damit ist alles geklärt. Kein Kampf? Sie gab einfach auf? Es war … egal? Das konnte ich nicht glauben und es machte mich wütend. Ich war ja nicht verliebt, oder? Stimmt, genau. Trotzdem … das fühlt sich alles so verdammt falsch an und wir streiten uns kurz darauf das erste Mal und das richtig übel. Worüber? Natürlich habe ich das vergessen.
In der Folge sehe ich sie online, aber sie hat keine Zeit. Dann hat sie einen anderen, sagt sie und verschwindet von der Bildfläche. Und sie fehlt mir schrecklich; es ist nicht die Skypekamera, die mir fehlt. Ich bin schockiert darüber, wie sehr ich sie vermisse.
Ich bin nicht überrascht, ein schlechtes Gewissen zu haben.
Ich kann ertragen, dass sie nicht mit mir zusammen ist, ich kann ertragen, mit ihr anderer Meinung zu sein, ich kann damit leben, dass sie nicht mit mir flirtet, aber ich kann nicht ertragen, dass sie nicht irgendwie da ist.
