Online, Teil zwei
April 10, 2008
Ich bekomme zwei Karten für Chinesische Prügelmönche geschenkt und weiss genau, mit wem ich diese Show sehen will. Dummerweise sprechen wir nicht mehr miteinander.
Ich traue mich nicht, sie hat keine Zeit, einen Anderen oder schlechte Laune und dann ist sie wieder ewig nicht online. ‚Sie hat mich bestimmt auf ihrer Bannliste und ich kann sie unsichtbar nicht sehen.‘, Mutmaße ich.
Irgendwann sehe ich sie wieder einmal online und spreche sie an – oder habe ich ihr eine Mail geschrieben? Weiss ich gar nicht mehr.
Ist auch völlig egal, ich freue mich sehr. Sie ist verwundert, dass ich mich melde und fragt mich, warum eigentlich? Das verwundert mich. Weil ich sie vermisse, weil ich sie mag.
Weil ich ein schlechtes Gewissen habe – deswegen natürlich auch.
Ich weiss nicht recht, ob ich wieder in sie verliebt bin, oder ob ich noch in sie verliebt bin, oder ob es nur die Freundin ist, die ich vermisse.
Ich weiss, dass ich sehr glücklich in dem Moment bin, in dem sie mir antwortet.
Und sie will mit mir die Mönche sehen. In Bielefeld. Sie kommt her. Ich tanze durch die Wohnung und verstauche mir den Knöchel.
Ich freue mich so sehr. Und fühle mich schäbig, weil sie so viel besser zu mir ist, als ich es verdient hätte.
Wenig später flirten wir wieder miteinander. Noch ein wenig später haben wir wieder Telefonsex. Über Verliebtsein sprechen wir nicht mehr. Das entspannt enorm.
Wenn wir miteinander sprechen, dann fühlt sich das richtig an. Ich bin zwar nervöser als früher, aber das scheint sie nicht sonderlich zu stören. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich mir wünsche, sie immer um mich zu wünschen. Eine Frau, die ich erst einmal gesehen habe.
Nicht, dass ich dabei so richtig an eine Beziehung denke. Sie hat mir ja gleich gesagt, dass sie so etwas eh nicht will, dass sie sich nicht verliebt. Normalerweise. Solche Themen vermeide ich lieber nach der letzten Krise; ich bin froh, sie wiederzuhaben und will nichts aufs Spiel setzen.
Die Funken sprühen jedenfalls zwischen uns.
Und wie sie sprühen. Nicht auszudenken, wären wir Nachbarn. Das wäre unterhaltsam, aber auch sehr anstrengend. Ich werde schon wieder vorzeitig sentimental. Warum gibt es sie nicht in der Nähe? Wir würden tolle Freunde. Oder ein wildes Paar, bis wir irgendwie den Untergang des Planeten herbeiführen – das kann irgendwie nicht lange gutgehen, da bin ich mir sicher. Und wenn doch? Ich werde immer nervöser und merke vor lauter Durcheinander , dass ich sie schlicht und einfach … lieb habe.
Ich habe sie lieb, weil sie ein lieber Mensch ist und weil sie mich auch lieb, äh, gern hat, da bin ich mir sicher.
Das zu sagen würde ich nicht wagen. Es könnte sie verschrecken und sie nimmt es sicher eh nicht ernst und wenn doch, dann ist sie vielleicht weg. Aus Rücksicht, weil sie nicht will, dass ich mir Illusionen mache, die sie nicht wahr machen kann.
Oder so.
Wir wissen beide, dass wir endlich im Bett landen werden. Wir reden nicht großartig darüber. Das wäre unnötig.
Dann ist der Tag da und ich bin – nervös. Keine Überraschung.
Wir verpassen uns und ich bin so fertig als wir uns sehen, mitten in der Stadt, fertig mit den Nerven und völlig ohne Parkplatz. Sie ist auch mit den Nerven am Ende, aber sie zu umarmen tut gut, endlich, auch wenn es nur kurz ist, hastig, damit die Ordnungshüter sie nicht kassieren und sie am Ende ohne Auto oder aber mit kostspieligem Ticket dasteht.
Ich bin sehr angespannt, aber als wir dann in der ersten (war es die zweite?) sitzen, werde ich ruhiger. Ganz lassen wir nicht die Finger voneinander und das ist gut.
„Die armen Mönche“, denke ich. „Die haben da diese Frau vor sich sitzen und sind … Mönche.“
Die Show war toll, aber ehrlich gesagt hätte ich auch gern mit ihr in einer leeren Stadthalle gesessen.
Und dann etwas essen, in meiner Stammkneipe. Es gefällt ihr, was mich erleichtert – ich kenne ihre feine Zunge und ihren Sinn für Gutes inzwischen gut und freue mich, dass sie sich wohl fühlt. Nachts mit ihr in einer Bar zu sitzen ist so ein natürliches Gefühl mir ihr. Ich bekomme Lust auf einen ordentlichen Absturz, aber wir müssen beide fahren.
Ich habe auch Lust auf andere berauschende Sachen und auch darin bin ich nicht allein. Das nächste Bett ist meines und 45 km entfernt, auch das schaffen wir fast mit links, obwohl wir nicht nur einfach unendlich geil, sondern auch ganz schön müde sind.
Ich sehe, dass sie etwas Rüschiges unter ihrer unverfänglich aussehenden Bluse getarnt hat und grinse, schaffe es aber irgendwie, das Thema zu wechseln.
Und sie küsst gut. Jedesmal lerne ich, selbst etwas besser zu küssen. Ich werde viel besser an diesen Abend.
Wir kommen an, und huschen herein – natürlich ist mein Vater noch wach, ich stelle sie vor und hole Wein; etwas Alkohol muss einfach sein und dann gehen wir hoch. Die Gläser leeren wir kaum, aber wir haben Besseres vor und schon viel zu lange gewartet.
Ich muss wegschauen, sie habe etwas vorbereitet. Ich setze mich aufs Bett.
Als ich die Augen wieder aufmache, hat sie ein unfassbares Teil an, mit Rüschen, es ist schwarz und rot, aber nicht so rot und so dunkel wie ihre Augen.
Gar nicht so einfach, sie aus so einem Einteiler zu schälen.
Ich bin noch viel müder als sie, aber wir haben so lange gewartet und es entläd sich schnell und sehr, sehr laut; ich liebe es, sie stöhnen zu hören, was ich nicht erwartet habe, es stachelt mich auf… auch die Tatsache, dass sie von hinten genauso hochinteressant ist wie von vorn. Und dann machen wir lieber eine Pause, das Bett ist inzwischen ziemlich feucht. Ich wünsche mir, keinen niedrigen Blutdruck zu haben und wacher zu sein, sie hat eine bessere Kondition verdient. Ich sollte sie tagsüber treffen und dann mit ihr schlafen, das wäre sicher einfacher und ich könnte ihr mehr geben.
Ich könnte bis zum nächsten Treffen trainieren.
Himmel, bin ich erledigt. Sie hingegen … sieht sehr motiviert aus. Oh ja. Sie sieht verdammt toll und mächtig motiviert aus. Motiviert bin ich auch. Aber …
Sie kuschelt nicht, denke ich, als wir ein wenig kuscheln.
Ich denke an meine inzwischen nicht mehr so neue Freundin, die meine Bettgefährtin so gar nicht mag. Wie wir waren und den Rauswurf mitten in der Nacht. An die Tränen und die bitteren Vorhaltungen.
Meine derzeit etwas irre Mutter hat garantiert alles gehört.
Gleich werden wir verdammt laut miteinander sein. Wenn meine Mutter da wieder eine Szene macht, dann war es das mit uns. Das würde sie mir nie verzeihen. Nicht nach dem letzten mal, nicht nach einer neuen Demütigung. Ich könnte es mir nie verzeihen.
Ich bitte sie also, schon jetzt zu fahren.
Es bricht mir das Herz, was ich nicht erwartet habe und sie versteht nicht recht, was kein Wunder ist, ich stammele nämlich.
Aber klar, sie macht das. Geht schon. Nur einen Kaffee, damit sie wach bleiben kann.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie der Abschied war.
Nur dass ich danach lange an der Straße stand. Das Handy in der Hand. Ihr Auto war schon lange nicht mehr zu sehen. Sollte ich anrufen? Oh, sollte ich? Allein schon, weil sie selbst endlos müde sein muss, sie kann doch so nicht fahren. Ja, sollte ich. Aber ich schäme mich so sehr. Ich fühle, das hier, das war ich gerade getan habe – das ist es was ich mir nie verzeihen werde.
Das hat nichts mit Sex zu tun. Auch wenn ich daran denke, als ich endlich den Rest des Weines aus den Gläsern und gleich noch den aus der fast vollen Flasche intus habe und allein im immer noch klammen Bett liege; auf der feuchten Stelle, übrigens.
Ich habe sie verraten, ich habe getan was man einer Freundin nie antun darf; einer Freundin, richtig. Ich hänge so schrecklich an ihr und ich behandele sie wie Dreck, ich versage ein ums andere Mal. Wie sollte ich ihr das sagen, jetzt nachdem ich es schon wieder getan habe? „Du, ich finde wir sind irgendwie seelenverwandt. Ich weiss ja nicht wie Du das siehst, aber … ich finde, wir sollten einfach immer miteinander zu tun haben, weil ich ohne dich nicht gut kann, ehrlich. Nicht dass ich dich jeden Tag sehen muss, aber ich will nicht in einer Welt leben, in der wir uns nicht gern haben. Und ich kann das nicht erklären.“
Das würde gar nicht gehen, oder?
Ich dachte, sie würde nie wieder mit mir sprechen.
Wir gehen später miteinander essen und es ist wundervoll. Es sind immer nur wenige Stunden, aber die sind es mir wert, die fühlen sich an wie Geschenke.
Nach den ersten Versuchen schaffe ich es Tatsächlich, mich nicht gleich wieder in sie zu verlieben.
Die Schuldgefühle brauchen länger; vielleicht verblassen sie irgendwann.
Meine Welt ist eine Welt mit dieser Frau darin, die sich für mich Sachen tut, die einfach unentschuldbar toll sind; kein einziger meiner Freunde hat jemals so sehr meinen Dank verdient. Und wenn sie einmal gehen sollte, dann ist meine Welt nicht mehr in Ordnung.
Ich wünschte nur manchmal, ich könnte ihr so helfen, wie sie mir versucht zu helfen. Ich kann ihr nur versprechen, dass sie sich zumindest ebenso sehr auf mich verlassen kann wie ich weiss, mich auf sie verlassen zu können.
Manchmal muss ich Sushi essen gehen, ein paar perfekte Stunden mit ihr haben. Dann geht es weiter. Es gibt Freunde, die meine Kraft rauben, die mich erschöpfen, aber sie ist anders; wenn ich von ihr lese und mit ihr spreche und noch besser, Zeit an ihrer Seite verbringen, dann fühle ich mich noch Wochen danach stärker und mutiger.
Superman braucht gelbes Sonnenlicht (habe ich gehört.), um fliegen zu können und für die Gerechtigkeit zu kämpfen. Ich brauche manchmal eine Riesenladung rohen, teuren Fisches und vielleicht ein paar Bier in genau dieser ganz speziellen Gesellschaft. Ich kann danach zwar nicht fliegen, aber so sehr lächeln, dass ich damit einen Atombunker bis in den letzten Winkel ausleuchten könnte. Weil ich diese Freundschaft habe, die allerbeste Saufkumpanin, mit der ich nie richtig gesoffen habe.
Hoffentlich glaubt sie selbst einmal ein paar Sekunden lang, wie einsame Spitze sie ist.
Und dieser verdammte Stolz, der mich alle paar Wochen in den Wahnsinn treibt. Der ist auch immer noch da. Eine Frau, die erzählen kann, nackt und besoffen ohne Erinnerungen an die letzten Stunden in ihrer Wohnung aufzuwachen und trotzdem kein Stück ihres Charme und ihrer Würde verliert, so eine Frau werde ich nie aufgeben. Nicht allein deswegen. Aber auch.
Eine bessere Freundin kann ich mir wirklich nicht vorstellen, sie ist wirklich die Allerbeste.
