Es war ein Tag im Frühling, einer von denen, die sich immer noch fast wie Winter anfühlten, obwohl die Sonne schon hoch am Himmel stand. An diesem Tag packte Cornelius seine Sachen und begann seine Reise.

Und diese Sachen waren es, die er nach reiflicher Überlegung zusammentrug und in einen alten, erprobten Lederrucksack und einem Bündel mitnahm:

Einen langen, festen Stab aus Holz, denn sein Bündel wollte ja auch an irgendetwas getragen werden.

Eine alte Pistole mit einer Pulverdose und allem was dazugehörte, dazu 20 Schuss.

Ein fleckiges, dafür aber sehr scharfes Messer. Damit konnte man Fische ausnehmen und hoffentlich Straßenräuber beeindrucken, sollte die Pistole versagen. Das war nicht unwahrscheinlich, schließlich hatte sie Cornelius‘ seligem Großvater gehört und war zuletzt von eben diesem abgefeuert werden.

Ein paar brauner Stiefel.

Ein Fläschchen aus Erdgut, mit feinem Schwarzgebrannten darin.
Würfel sowie Spielkarten.

Eine harte, getrocknete Wurst aus dem Fleisch von wilden Schweinen.

Hartkäse und ein wenig Brot, das sicher nicht lange ausreichen würde.

Essbesteck und alles, was ein Gentleman für die Körperpflege brauchte.

Ein altmodisches Feuerzeug mit einem Zunderkästchen dazu.

Eine verbeulte Blechtasse, einen ebensolchen Topf und eine Dose mit starkem, wohlriechendem Tee.

Eine Botanisiertrommel, denn Cornelius sammelte Blumen, die er presste und aufbewahrte, um sie sich im Winter anzusehen. Er wusste, das einige ihn deswegen für einen Gelehrten hielten, was nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein konnte, aber er ließ sie in ihrem Glauben.

Eine Hose mit weißen und blauen Streifen.

Ein Hemd.

Eine warme Jacke und diesen alten Hut, der schon lange aus der Form war.

Und ach so wenige Münzen.

Das reichte ihm aus, um seine Reise zu beginnen, aber tatsächlich besaß er auch nicht viel mehr, außer seiner Unterkunft bei seinem Meister, einem Bäcker, was aber nicht weiter wichtig für unsere Geschichte ist, für Cornelius war es noch entschieden unwichtiger. Als er ging, sagte er niemandem Lebewohl und er ließ keine Briefe und keine Nachrichten zurück.

An diesem Morgen nahm er seine Sachen und trat auf die Straße. Die ersten Schritte fühlten sich kribbelig seltsam an und Zweifel drohte ihn einzuholen, doch als er ein wenig schneller ging, blieben die Zweifel an seiner Entscheidung genauso hinter ihm zurück wie die Häuser des Dorfes hinter den Hügeln verschwanden. Unser Held jedenfalls sah nicht zurück, so wie es im Geschäft der Helden ein alter Brauch ist, sondern voran und dann und wann nach beiden Seiten, er sah Gehöfte und Feldern, Flüsse und Berge und manchmal auch Städte in der Ferne, über denen sich Rauchfäden im Himmel verloren.

Bald dauerte es immer länger, bis die nächste Stadt in Sicht kam, dann dauerte es Tage, bis er in ein Dorf kam; die meisten hatten Gasthäuser in denen er übernachten und etwas speisen konnte, meistens gab es etwas Brot für seinen Beutel, für ein paar seiner Münzen, die erschreckend schnell zur Neige gingen und bald bis auf eine aus Kupfer und zwei kleine aus Silber aufgebraucht waren.

Das Brot war schnell aufgegessen und dann ging der Käse zur Neige. Aber langsamer ging Cornelius nicht. Meistens wagte er nachts ein Feuer zu entfachen, das man sicher auf Meilen und Meilen sehen konnte, dann kochte er sich einen Tee und knabberte an einem Stück Käse. Er versuchte Maß zu halten, aber das fiel ihm schwer. Die Wurst sollte für ganz schlechte Zeiten sein und noch war er nicht bereit, an diese Notration zu gehen.

Sein Magen war anderer Ansicht und knurrte beim leisesten Gedanken an geräuchertes Wildschwein. Ganz recht, dachte er. Wenn nicht bald etwas Proviant gefunden würde, wären die schlechten Zeiten da.

Aber er ging weiter, einen Fuss vor den anderen. Die Dörfer wurden weniger, dann kamen die Felsen und nur ein fliegender Händler oder zwielichtigere Gestalten kamen ihm entgegen. Manchmal versteckte er sich lieber hinter einem Gebüsch oder hinter schattigen Felsvorsprüngen, wenn die Gestalten zu zerlumpt waren, die Kutschen mit halsbrecherischem Tempo herangedonnert kamen oder man schon von weitem das helle klingen von metallischen Gegenständen hören konnte, die man am Körper trug.

Er versuchte seinen Atem zu beruhigen, sein wild klopfendes Herz dröhnte laut in seinen Ohren – das würden sie doch bestimmt die wenigen Schritte entfernt auf dem groben Pflaster hören, ihn entdecken und ihn holen kommen. Aber sie hörten ihn nicht, sie kamen nicht herbei gerannt, um ihn zu holen, um ihm ein unerfreuliches Ende zu bereiten.

Cornelius hatte schlimme Sachen gehört, über die wilden Gesellen, die sich auf der Straße herumtrieben und schon so manchen einsamen Reisenden um sein Hab und Gut und nur zu oft auch um sein kostbares Leben gebracht haben, so wurde es jedenfalls erzählt – und wenn es nicht stimmte, dann würde es auch die vielen Stunden wert sein, in denen man sich die Geschichten erzählt hatte, oder etwa nicht?

Der Graue mit dem Haken war wohl mal ein Köhler gewesen, erzählte man sich. Wie jeder wusste, war er also arm, sehr arm und musste wohl noch öfter hungern als andere arme Leute. Manche sagten, er hätte eine Hellebarde dabei, wie sie Nachtwächter tragen, aber Cornelius hatte gehört, dass diese Geschichte übertrieben war. Es war ein Stab mit einem Haken am Ende, mit dem man bei Bränden die Balken aus dem Flammen ziehen konnte und auch sonst allerlei nützliche Aufgaben erfüllen konnte. Der Graue war ein alter Mann, mit schlechten Zähnen. Und wenn man ihn traf, auf der Straße, dann würde er seine Frage stellen. Ob seine Hilfe ein paar Silberlinge wert sei. Wenn es einmal brennen sollte. Und wenn man dann keine Silberling für den Grauen übrig hatte, dann würde niemand hören, wenn man um Hilfe schreit, wenn das Haus in Flammen steht, ganz egal wie laut man auch schreien und flehen würde. Andere erzählten, dass der Graue den Haken in diesem Fall auch auf eine ganz andere als segensreiche Art und Weise verwenden könnte und dabei so flink und geschickt damit hantieren konnte, dass sich seinen Opfern sicher Anlass zu neuen Geschichten geboten hätte, würden sie nur irgendwann einmal die Begegnung überleben.

Die Knochenjenny hat nur drei Zähne, aber sie war mal eine schöne Frau und das würde man noch sehen, sagten sie, manche waren sich auch sicher, dass sie immer noch schön war , bis sie den Mund aufmachte und ihr schreckliches Lachen sehen und hören ließ, das altgedienten Söldnern die Farbe aus den Haaren und das Zipperlein in die Beine trieb. Sie würde freundlich grüßen und um ein Almosen bitten und wenn das nicht gegeben wird, um ein Spiel mit den Würfeln. Und oh, sollte man auch nicht den Fehler machen, ihre eigenen Würfel zu verwenden und die eigenen ins Spiel bringen, so würde einem das Glück nicht hold sein, sondern Münze um Münze, ja sogar Stiefel und Rock wären bald Eigentum der Knochenjenny. Und wer ihr dann nicht zum Willen war, den konnte man irgendwann am Rand der Straße mit säuberlich durchtrennter Kehle finden. Wer allerdings ein Liedchen zu singen verstand oder eine Fiedel zum spielen dabei hatte, der konnte sie wieder zum folgenschweren Lachen bringen und sein Leben retten; Knochenjenny würde die Nacht durchtanzen, solange die Lieder nicht endeten und bis die Sonne sich zeigte; wer so lange nicht ins Stocken geriet, dessen Leben war gerettet.

Cornelius kannte noch einige Übeltäter mehr und war sich nicht zu schade, in Deckung zu huschen, sobald er nur Schritte, sobald er nur Schatten weit in der Ferne sah.
Doch nicht nur der Magen knurrte ihm immer unerträglicher, auch die Nähe von Menschen begann ihm zu fehlen, so kurz nachdem er alles hinter sich gelassen hatte was ihm je lieb und teuer gewesen war. Die Gesellschaft eines legendären Halsabschneider konnte so schlecht nicht sein und sicher ein gutes Gespräch am Feuer, wenn – ja, wenn er dabei seinen Hals, sein Haar und seine flinken Beine retten könnte.

Das dachte er jedenfalls.