Grace, Teil Zwei
März 30, 2008
Es ging die nächsten Monate so weiter; aus Monaten wurden Jahre und irgendwann kehrte sie zurück nach Deutschland und kam auf irgendeine Weise mit einem Typen aus demselben Chat zusammen, in dem wir uns einmal kennengelernt hatten; nach Monaten des Quengelns traf sie sich mit ihm, ging mit ihm ins Bett und war sofort mit ihm zusammen. Grace klingelte mich am nächsten Morgen aus dem Bett, um sich tränenreich zu entschuldigen, dass sie ich ausgerechnet mit meinem „Erzfeind“ (das war er zu diesem Zeitpunkt nicht, aber das würde sich ändern) eingelassen hatte und das wäre ein großer Fehler und ich sollte ihr verzeihen. Natürlich verzieh ich ihr – was sollte ich ihr auch übelnehmen? Das sie Gefühle verletzte, die sie nicht mehr erwiderte? Ich liebte sie weiter, still und heimlich und bitter und möglichst diskret, um ihr kein schlechtes Gewissen zu machen.
Aber ich wurde auch wütend. Sehr wütend. Alles was der Typ gemacht hatte, war ihr Email um Email zu schreiben und so hatte er all das bekommen, was ich im Leben wollte. Was noch in mir an etwas … irgendetwas glaubte, brach in kurzer Zeit zusammen; alte Wunden öffneten sich wieder. Aber wenn sie anrief und mir erzählte, wie schlecht ihre Beziehung funktionierte und das er es hassen würde, das wir Kontakt hielten, das er das ihr verbieten wollte, sie aber darauf bestehen würde, dann war es beinahe wieder wie früher, es waren Momente, die wie ein Rettungsring für mich waren; ich hielt mich an ihnen fest, um nicht zu versinken – ohne an den eisig kalten Ozean zu denken, in dem ich langsam erfror.
Da kam der Tag, an dem sie beinahe im Zug vergewaltigt wurde und ihr Freund ihr vorwarf, selbst schuld zu sein, wenn sie immer zu jedem so freundlich wäre. Sie bleib bei ihm, und meine Wut auf mich, auf ihn, auf ihre verdammte Selbstzerstörung wuchs. Ich hatte nie das Gefühl, nur die Endlagerstelle für ihre Probleme zu sein, sie hörte sich auch meinen lächerlichen Mist an, den ich nur widerwillig erzählte. Aber ich fühlte mich nie einsam, seitdem ich sie kannte. Sie dachte an mich. Und ich dachte an sie.
Dann kam der Tag, an dem er sie ohrfeigte. Nicht nur beiläufig und ein einziges Mal, er schlug sie. Es tat ihm aber leid, sagte sie mir am Telefon; ich konnte sie kaum verstehen, weil sie so starke Schwellungen im Gesicht hatte. Sie verließ ihn, er kämpfte um sie, Grace aß nur noch Nudeln mit Pesto in Portionen für Singvögen und hörte dann ganz auf zu essen. Ich könnte es hören, ihre Stimme war einmal so hell und rein gewesen, nun krächzte sie, war kaum zu hören. Sie war viel zu klug, um nicht darüber im klaren zu sein, das sie weder gut aussah noch zu dick war. ‚Ist schon albern, oder?‘ Sie lachte. Sie bekam dunkle Streifen am Hals, ihre Fingernägel verfärbten sich gelblich. Ihre Nieren versagten. Sie wog keine 35kg mehr, als ich das letzte Mal mit ihr sprach. Sie kam gerade aus dem Krankenhaus, wo man sie künstlich ernährt hatte, um ihr Leben zu retten. Ihr lachen war aber noch da, schwächer, aber dasselbe. Was ist aus mir geworden, Denis. Ich sterbe. Ach, aber dafür sehe ich echt gut aus. Mit den gelben Fingernägeln. Wenn die bloss nicht so schnell splittern würden!
Sie würde in eine Therapiestelle gehen. Erst einmal keinen Kontakt mehr nach außen, nur essen, essen. Es kam noch eine SMS. „Ich hasse es hier.“.
Ich schrieb ihr Briefe nach Hause, doch ich bekam nie wieder eine Antwort; sie kamen aber auch nicht zurück. Niemand bekam je wieder einen Anruf, niemand sah sie jemals wieder online, obwohl sie dort so beliebt war wie sie es sich im „richtigen Leben“ immer gewünscht hatte, sie hatte viele Freunde und Freundinnen. Ihre Emailadressen liefen aus, waren nicht mehr erreichbar, ihre Handynummern (sie hatte einige) genauso.
Sie blieb verschwunden.
Meine Wut blieb, aber meine Sorge wurde größer und das Loch das sie hinterließ – es ist inzwischen vernarbt, aber nicht verschwunden. Sie hatte mich einfach verlassen; kein Freund macht das, ohne ein Wort der Erklärung. Ich empfand es als Verrat an unserem Bund. Ich war nie wieder so verbittert wie in dieser Zeit, aber das ließ nach einer Weile nach. Die Traurigkeit ist nie ganz verschwunden und begleitet mich seitdem. Große, mächtige Liebe macht mir Angst und ich fühle mich hilflos und verzweifelt, wenn sie mir begegnet. Ich bin härter geworden, zynischer vielleicht. Aber es geht weiter. Irgendwie.
Einmal kam ich in ihre Stadt und sah das Café, in dem sie arbeitete. Die Straße, in der sie gewohnt hatte. Ich habe mich nicht getraut, näher zu kommen. Ich hätte ihren Vater anrufen können. Aber ich beschloss, auf die Wahrheit zu verzichten.
Manchmal schaue ich das Telefon an und wie früher sollte es genau in diesem Moment klingeln und sie wäre dran. Aber es bleibt still und ich denke daran, das ich gern einen trinken würde, mit einem guten Freund oder einer guten Freundin. Nur nicht das hier, allein sein.
Grace, Teil Eins
März 29, 2008
Sie war die erste Person, die über das Internet an meine Telefonnummer kam. Ich weiss nicht mehr genau, warum ich sie ihr gegeben habe – eigentlich wollte ich so etwas niemals tun – aber es schien mir unglaublich wichtig und ich tat es nicht, weil ich einen Anruf wollte, sondern weil ich nach zehn Minuten schon so sehr mochte, das ich ihr etwas geben wollte, das ich noch niemandem in diesen ekligen HTML Chat gegeben hatte und niemandem je wieder geben sollte. Eine ganze Minute war Stille, dann kam ihre Nummer zurück, sie würde mich vielleicht nicht anrufen, wenn ich das nicht wollte, aber ich sollte doch unbedingt SIE anrufen, denn sie wollte das unbedingt. In zehn Minuten. Bitte.
Nach drei Wörtern waren wir verliebt, der große Gong im Herzen dröhnte nach den ersten Silben und ich spürte diesen Druck im Herzen und so war es auch bei ihr, glaube ich. Wir legten erst auf, als der Morgen dämmerte. Sie war Amerikanerin und und Deutsche mit den entsprechenden Pässen, ihr Nachname war italienisch und sie liebte Frankreich. Ihr Vorname war Grace und sie war nicht glücklich. Ihr Verlobter war von einem Unbekannten überfahren worden – Unfallflucht – und später, im Krankenhaus in ihren Armen an seinen Verletzungen und dem Blutverlust gestorben; sie hatte in der Folge ihre Leber grade noch über eine Monate andauernde Phase von Exzessen gerettet und mit so ziemlich jedem Typen in der Umgebung von 100 Kilometern geschlafen. Nun blieb nur noch Leere und sie las mir Rilke am Telefon vor, wenn sie nicht weinte oder wir uns scheinbar stundenlang nur beim Atmen zuhörten. Unsere Gespräche führten von verkopften Theorien weiter hinab in ganz andere Regionen und wieder zurück; das musste Glück sein, da war ich mir sicher. Ich spürte, wie ich sie zu lieben begann und wie falsch und gefährlich das war; ich wusste das sie Angst hätte, das nach einem Treffen alles ändern würde, das wir im Bett landen würden und sie mich dann verlieren würde, unweigerlich. Ich war schon so verloren, wie ein Mensch sich nur verlieren kann. Dennoch, ich kam irgendwie mit dem bisschen Schlaf aus, 2 Stunden, 3 Stunden, mein Studium litt fürchterlich, aber das war mir egal. Ich wollte nur diese Stimme hören und mit ihr lachen und mit ihr weinen und mich ihr nahe fühlen.
Eines Tages erzählte sie mir, das sie mich ausnützen würde und mir meine Zeit raubt, ohne mir dafür eine Gegenleistung zu bieten, da ahnte ich, das ich vielleicht zu viele Sorgen angehört, zu oft getröstet hatte; nicht das sie mich nicht lieben würde – das tat sie, aber nicht mehr genau wie ich sie. Ich konnte fühlen, wie mein Herz brach und nun sagte ich ihr, wie ich sie liebte, wie ich nie eine geliebt hatte und meine Güte, wir mussten stundenlange geheult haben, am Telefon versteht sich. Da war nicht wirklich ein Platz für mich. Das war mir klar. Mit einem Toten konnte ich nicht konkurrieren. Aber ich nahm, was ich kriegen konnte und immerhin, sie brauchte mich und vertraute mir und empfand tief für mich. Mehr als ich bis dahin kannte; zwar war ich inzwischen eher ein Freund für sie, aber doch zeigte sie mir mehr Zuneigung als ich bis dahin kannte.
Grace hatte Probleme, sie war hochbegabt und hatte Bulimie, später stellte sich heraus, dass sie Epileptikerin war; sie war zu schön für ihre Umgebung, Männer flogen auf sie, waren aber ihrem Geist nicht gewachsen und flohen so schnell wie sie gekommen waren; Frauen hingegen hassten sie meistens auf den ersten Blick. An dieser ganz speziellen Art von Einsamkeit zerbrach sie langsam. Das tat sie allerdings in Schönheit, sie schrieb Gedichte und las sie mir vor.
Für mich war es natürlich über die ganze Zeit unmöglich, irgend etwas Sinnvolles mit anderen Frauen zu beginnen. Nicht das ich wollte. Ich hatte immer Angst, das sie endlich den richtigen treffen würde und das ich nie wieder von ihr hören würde, oder das sie sich eines Tages doch umbringen würde – aber sie war immer da, mal zwei Tage nichts, dann klingelte wieder das Telefon und sie entschuldigte sich für die Störung und die Stille.
Dann war sie plötzlich in Frankreich, in einer Spezialklinik. Erzählte sie mir am Telefon, gerade wieder erwacht. Die Gebühren waren ihr scheinbar egal, sie mussten enorm sein. Meine Leben war wie in Schatten getaucht, wenn ich nicht mit ihr sprach. Mir wurde immer deutlicher klar, dass es so nicht weitergehen konnte: Ich wurde immer trauriger und das scharfkantige Loch in meinem Herzen ließ sich nur schwer ignorieren. Sie fand einen Freund, das änderte wenig, auch wenn ich um so mehr litt, sie wurde schwanger, verlor Kind und Freund und da war ich wieder da und …
Und dann wurde es schlimm und zwar viel schlimmer und das schnell. Mal sehen, einen zweiten Teil schreibe ich, aber nicht jetzt.
